„Kannst Du mich nicht verstehen?“
Nach der Pause sagt die Lehrerin: „Kinder, bitte lest den Müll vom Boden auf, ...!“
Finn (8 Jahre) fragt: „Was sollen wir lesen?“
Finn hat die Aufforderung der Lehrerin nicht verstanden. Er weiß, dass man Wörter „lesen“ und Dinge vom Boden „aufheben“ kann. Trotz seines guten Gehörs und des Hinweises der Lehrerin: „...vom Boden...“, war ihm nicht klar, was sie meinte. Erst als Finn die anderen Kinder beim Aufräumen beobachtete, wusste er, was zu tun war und konnte mit helfen.
Finn hat eine Sprachverständnisstörung.
Kinder mit diesen Schwierigkeiten verstehen nicht altersentsprechend und reagieren nicht adäquat auf Fragen und Anweisungen. Dies fällt meist nur dann auf, wenn sie keine weiteren Hilfen durch Blicke, Gesten, Bilder oder die Handlung in der Situation erhalten.
Im Alltag zeigen sie oft folgendes Verhalten:
So kommt es vor, dass ein Kind als trotzig, aggressiv oder zurückhaltend bewertet wird. Es bekommt massive Schulschwierigkeiten, weil sein Sprachverständnisproblem nicht diagnostiziert wurde. Oft wird dies als Hyperaktivität, niedrige Intelligenz, mangelndes Konzentrationsvermögen und geringe Konfliktfähigkeit fehlinterpretiert.
Trotz guter rechnerischer Fähigkeiten scheitert Finn immer an Textaufgaben, denn diese setzen ein gutes Sprachverständnis voraus. Das Verstehen von Sprache ist eine komplexe Leistung.
Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Gibt es Schwierigkeiten bei der Verwendung oder beim Verstehen der Sprache, zeigt sich dies sofort auch im Kontakt mit der Umwelt. Durch Sprache verständigen wir uns mit unserer Umwelt. Wir nehmen Informationen auf und geben eigene Gedanken und Ideen zurück.
Eltern reagieren oft betroffen, wenn der Logopäde eine Sprachverständnisstörung diagnostiziert. Oft setzen sie diese Diagnose gleich mit einer geringen Intelligenz, denn für sie bedeutet „Sprache nicht verstehen“ gleich „nicht richtig denken können“.
Um Sprache verstehen zu können, benötigt ein Kind eine Vielzahl von Fähigkeiten. Wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie bereits mit vielen Fähigkeiten für den Spracherwerb ausgestattet, welche nun erweitert und verbessert werden.
In der logopädischen Therapie werden wir Sie ausführlich zu den genannten Dingen in der Entwicklung Ihres Kindes befragen. Nach diesem Gespräch und der durchgeführten Diagnostik mit Ihrem Kind, erstellen wir gemeinsam einen Behandlungsplan.
Dieser ist von vielen Faktoren, wie z.B. dem Alter Ihres Kindes, dem Ausprägungsgrad der Störung und natürlich auch der Mitarbeit des Kindes und der Eltern abhängig.
Bei kleineren Kindern wird die Behandlung hauptsächlich in Spielhandlungen eingebettet. Dabei werden die oben genannten Fähigkeiten integriert und erweitert.
Bei Kindern im Kindergarten- und Schulalter erfolgt die Arbeit eher an den Fähigkeiten der auditiven Merkspanne, des Wortverständnisses und Satzverständnisses, an den grammatischen Fähigkeiten und den Fähigkeiten, Texte und Gespräche zu verstehen.
Wenn Sie sich Sorgen um Ihr Kind machen, weil es im Alltag zwischen Ihnen und Ihrem Kind oft zu Missverständnissen kommt oder die Erzieherinnen Sie ansprechen, weil sich Ihr Kind im Kindergarten anders verhält als gleichaltrige Kinder, kontaktieren Sie Ihren behandelnden Kinderarzt. Er wird sich Ihr Kind anschauen und gemeinsam mit Ihnen das weitere Vorgehen besprechen.